Donnerstag, 15. März 2012

Nachtrag zum Trip nach Mazedonien

Zurzeit verfasse ich meinen "Tüchfühlung"-Artikel zu meinem Erasmus-Aufenthalt. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich den Bericht zu meiner Reise nach Mazedonien noch immer schuldig bin. Das soll hiermit nachgeholt werden.

Zunächst sei gesagt, dass das Wort "Mazedonien" im Zusammenhang mit dem Balkanstaat in Griechenland verhasst ist. Da eine nordgriechische Provinz Haargenau denselben Namen trägt, ist die Streitigkeit um die Namensrechte seit der Unabhängigkeit des Landes Mazedonien von Jugoslawien entbrannt. Wegen dem Kampf um die Namensrechte, blockiert Griechenland seit längerem die EU-Beitrittsverhandlungen zwischen Brüssel und Skopje. Korrekt heißt dieser Eintrag nunmehr "Nachtrag zum Trip in die ehemalige jugoslawischen Republik Mazedonien (FYROM)". Warum wir ausgerechnet da hingefahren sind, weiß ich bis heute nicht. Zur Hälfte war es die Schuld des mazedonischen Erasmusstudenten Aleksandr, der das Land regelrecht angeprisen hatte. Zum anderen war Romain sofort Feuer und Flamme für die Idee in ein Entwicklungsland zu reisen, wo es billigen Alkohol und allerlei andere Rauschmittel gibt. Und da sich mein lieber Freund Romain auch bei anderen Erasmus-Studenten bester Beliebtheit erfreute, hatte seine Facebook-Veranstaltung so viele Zusagen, dass er sich nach einem Tag unsichtbar schaltete. Wir waren wieder einmal eine riesige Gruppe, die sich an einem Donnerstagnachmittag an der Busstation traf. Besonders herausragend war die 9-köpfige französische Gruppe, die ständig unter sich blieb. Drei Stunden dauerte die Fahrt nach Skopje. An der Grenze erlebten wir ein Desaster da Amr aus Palästina ein ungenügenden Visum hatte (dagleiche wie die Amerikanerin zwar, aber ihr Pass ist anscheinend mehr wert als der von Amr). Amr wurde rausgeholte und am Grenzübertritt gehindert. Normalerweise fährt in so einem Falle die Polizei die betreffende Person nach Hause. Amr allerdings wurde in ein Taxi gesteckt, das er selber bezahlen musste.Wir fuhren traurig weiter...

Von Skopje erwartete ich wenig und wurde mit noch weniger belohnt. Die Stadt ist karg, grau, hässlich und unglaublich grotesk. Neben himmelhohen Statuen von Mutter Theresa und Alexander dem Großen fallen vor allem die Kopien europäischer Denkmäler auf. Ich schwöre, dass die Mazedonier den Reichstag und den Arc de Triomphe exakt kopierten. Zudem fahren die roten Londoner Doppeldeckerbusse durch die Straßen. Ein Gefühl beschlich mich, dass sie halb Europa zusammengeklaut hätten. Hoch über der Stadt konnte man nachts ein riesiges Leuchtendes Kreuz sehen, das von einem Berg auf die herunterleuchtete.
Man merkte sofort, dass die Stadt sehr arm und der Lebensstandard niedrig ist. Nur wenige Leuten tummelten sich in den Straßen... zu sehen gab es wahrlich nicht viel. Wir liefen umher und schauten uns um. Dabei war es bitterkalt bei etwa 2 Grad. Unser Hostel war ziemlich karg und ab vom Schuss, doch wieder der Zufall es so will, traf ich dort auf zwei Rucksacktouristen, die mich etwas perplex begrüßten.

Laut Romain, waren wir nicht in Mazedonien, um uns an den Anblick von Sehenwürdigkeiten sattzusehen. Sondern, um einmal mehr uns günstig zu betrinken. Uns wurde ein Tranceclub feilgeboten, in dem angeblich die beste Party des Monats stattfinden sollte. An Abend waren wir alle sehr matt und nicht so richtig in Stimmung, obwohl es Freitag war. Es kam dann dazu, dass uns verschiedene Arten von Drogen angeboten wurde. Ich lehnte dankend ab. Die Preise wir die Pillen müssen wohl extrem niedrig gewesen sein. Einige von den Franzosen und ein Ire kauften dann 1-2 Tabletten Extasy. Yoann erwischte unfreiwillig Speed. Von da an waren sie nicht mehr zu halten. Sie kamen erst gegen 10 Uhr morgens wieder im Hostel an, hatten keine Sekunde geschlafen und waren immer noch hellwach. Sie erzählten mir, wie sie, als die Party vorbei war, auf Einladung des (besoffenen und zugedröhnten) DJ's mit ihm in seinem klapprigen Fiat zum Nachfeiern in die Vorstadt gefahren sind. Dort haben sie auch die Bekanntschaft mit der Freundin des DJ's gemacht. Aus Eifersucht schmiss er meine Freunde dann jedoch unsanft aus dem Zimmer. Der folgende Tag war gefühlt mit weiteren Storys aus jener Nacht. Die Verrückten...
Die Gruppe spaltete sich und ich ging mit 4-5 von ihnen auf den Markt und später auch was essen. Viele Mazedonier können Deutsch, da sie einst vor dem Krieg, in dem die berühmten UCK-Kämpfer involviert waren, nach Deutschland flohen. Später waren wir in einem riesigen Einkauszentrum, dass den Kontrast zur übrigen Statt weiter ins Groteske zog. Wir deckten uns mit Bier ein, musste die Flaschen aber sogleich verstecken, da es in Mazedonien verboten ist öffentlich Alkohol zu trinken. Wir trafen die anderen und fuhren mit dem Bus in die Heimatstadt Aleksandrs - nach Tetovo. In diesem Nest gab es nichts zu sehen. Es war ohnehin dunkel. Wir zahlten etwa 5 Euro pro Person, um zu zwanzigst (!) in einem 3-Zimmer-Apartment (von den Großeltern eines Freundes Aleksandrs) zu schlafen. Wir glühten mächtig vor (später schlief ich auf einem Sessel in der unbequemsten Position meinen Lebens). Aleksandr ist in seiner Heimatstadt wohl ein großer Fisch. Er nämlich ließ eine Party zu unseren Ehren veranstalten. In einer Turnhalle legten die DJ's guten Dubstep auf. Alle hatten Spaß - bis auf diejenigen die langsam von ihrem vorabendlich Trip herunterkamen.

Den nächsten Tag verbrachten in der mikrigen Wohnung wir bis 18 Uhr (!) mit Ausnüchtern, stellten uns beim Duschen an und gingen auf Nahrungssuche ehe der Bus zurück nach Skopje fuhr. Unser Plan war, die ganze Sonntagnacht durchzumachen, da früh um 6 der Bus nach Thessaloniki fuhr und wir nicht extra ein Hostelzimmer zahlen wollten. Einige schafften es nicht und zogen sich zurück. Wir anderen gingen schick essen und später in einen Klub, der schon um 3 Uhr dichtmachte. Weitere Pläne (Casino, Strip Bar) verliefen der Müdigkeit wegen im Sande. Völlig erschöpft erreichten wir den Bus Richtung Thessaloniki. Bis auf den Moment der Passkontrolle schlief ich die ganze Fahrt durch. Auch vom Tag habe ich quasi nichts mitbekommen. Ein verrückter, ein anstrengender, ein schmutziger Trip war es gewesen.