Der Campus der Uni ist wirklich riesig, sodass einem schon von vornherein der Überblick fehlt. Ein wager Blick ins Internet ließ nur erahnen, wo sich die Gebäude und Büros unserer Begierde befinden. Als wir letzten Sonntag schon einmal den Campus besichtigten, war noch nichts von den angeblich 90.000 Studenten zu bemerken. Lediglich die alten Gebäude- Marke „Weinholdbau“- und die duzenden Streikplakate dienten uns damals als Orientierungshilfe. Am Dienstag schafften wir es dennoch schnell nach einigem „Excuse me, where can I find…“– Runden zur ersten Erasmus-Anlaufstelle zu gelangen. Meine „deutsche“ Vorstellung, in einem Büro relativ privat von Angesicht zu Angesicht mit einem Menschen zu sprechen, erhielt allerdings rasch einen Rüffel. Vielmehr standen wir vor einer langen Glasfassade mit Lautsprechern; es ähnelte irgendwie einem Drive-In. Wir mussten also im Stehen über ein Mikrophon nach innen mit einer Person kommunizieren, die ich persönlich kaum sehen konnte, weil das Fenster mit Flyern und Plakaten abgeklebt war. Es klappte irgendwie, da sich die junge Frau zum Glück ziemlich viel Zeit für mich nahm. Ich bekam ein paar Dokumente auf Griechisch und einen Lageplan in die Hand gedrückt. Das nächste Ziel war die Faculty of Law. Da wir aber ziemlich scharf darauf waren endlich unseren Studentenausweis zu bekommen, gingen wir erst einmal ins Hauptgebäude und landeten in irgendeinem Sekretariat. Nachdem wir unseren griechischen Wisch vorgezeigt hatten, brach ein totales Chaos unter den sieben bis acht Sekretärinnen aus. Keiner wusste was mit uns anzufangen. Alle redeten durcheinander und nicht eine konnte im zusammenhängenden Englisch mit uns kommunizieren. Aus irgendwelchen Gründen haben wir dann Stempel auf die Formulare bekommen, die aber zu einhundert Prozent überflüssig waren. Als das Chaos dennoch immer weiter zunahm, schob ich unter einem flüsternden „Let’s get out of here!“ meine beiden Mitbewohner aus dem Büro. Draußen angekommen, musste ich mich vor Lachen erst einmal fünf Minuten hinsetzen.
Das Gebäude der Faculty of Law war komplett mit Vorhängeschlössern von den Studenten abgeriegelt worden. Wir haben es trotzdem irgendwie geschafft reinzukommen und versuchten uns zu der richtigen Büroadresse durchzufragen. Wer den Erasmus-Film gesehen hat, weiß wie das aussieht. Man schickte uns zu den verschiedensten 30x30cm-Schaltern die zumeist auch noch vergittert waren. Dennoch fielen wir nicht sonderlich auf, da die griechischen Ersties um einiges verstörter wirkten als wir. Hin und wieder kamen uns auf den Fluren ein paar wilde Hunde entgegen, die in Thessaloniki mitsamt Katzen und dem Müll einfach zur Stadt gehören. Schlussendlich ging alles gut. Nächste Woche beginnen die Vorlesungen, wobei ich einige Jura-Einheiten besuchen werde, einige sogar in deutscher Sprache.
[P.S.: Ich habe mich jüngst erinnert, dass Tauben eines der wenigen Tierarten sind, die ihr Leben lang monogam verbringen. Gerührt von diesem Gedanken habe ich dem Taubenpaar über meiner Balkontür die Namen „Samson“ und „Trixie“ gegeben- frei nach dem Chip & Chap-Cartoons.]
Es hat sich herausgestellt, dass in der Wohnung über uns ein französischer Pianist lebt. Das heißt wir bekommen jeden Mittag und Abend entweder ein Klavier- oder ein ganzes Sinfoniekonzert über seine Anlage zu hören. Leider habe ich aus den ersten Nächten in meinem Zimmer eine zutiefst verstörende Vorahnung was das Paar betrifft- näheres dazu später.
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