Nachdem ich mich ganze 40 Stunden von meinem letzten Ausflug erholen konnte, winkte auch schon der doppelte griechische Feiertag. Und was macht man wenn man sechs Tage Lenz hat? Genau. Man löhnt 64 €für eine 10-stündige Busfahrt in einer der aufstrebendsten Städte der Welt. Was die Entscheidung für dieses Unterfangen betraf, so hielten sich Spontanität und Skepsis exakt die Waage. Spontanität natürlich, weil gerade einmal seine schmutzigen Socken vom letzten Wochenende gelüftet hatte und Skepsis, weil unsereins nicht gerade der Fan des türkischen Morgenlandes ist. Nachdem ich zum Ende der großartigen neunziger Jahre mit meinen Großeltern sieben sonnige Tage in einer dieser berühmt berüchtigten All-Inklusive-Hotelfestungen zugebracht hatte, lässt sich meine Beziehung zu Kebap-Country eher mit der Zuneigung zu einem guten Stück kalter Bratwurst vergleichen.
Jedenfalls ging es nun am Dienstag um 23.30 Uhr (Ortszeit Thessaloniki) ca. 600km straight in Richtung Osten. Die Anzahl der Menschen in der Gruppe belief sich auf knapp 15 Leute, wobei 14 in einem einzigen Hostel-Zimmer zubringen sollten. Die Truppe war wieder einmal bunt gemischt: 3 Belgier, 1 Franzose, 1 Holländer, 2 Iren, 2 Spanier, 1 Serbin, 2 Polinnen, 2 Deutsche, 1 Ungarin, 1 Palästinenser, 1 Amerikanerin… Ich glaube so war es. Daneben gab es noch zwei weitere Erasmus-Gruppen die parallel aber nicht mit uns in Istanbul den Tag vertrödelten. Vorteil jener Gruppen: ihr geringe Größe.
Nach 2 Stunden Aufenthalt, an zwischen und nach der griechisch-türkischen Grenze (Visa, Passkontrolle, Duty-Free-Shop), erreichten wir nach 0,5 Stunden Schlaf die Stadt unserer Sehnsucht – aber zunächst Mitten im Nirgendwo. Ein Shuttle-Bus brachte uns dann auf den Taksim-Platz, wo wir erst einmal weitere 2 Stunden im Nieselregen um Orientierung ringen mussten. Unserer Hostel befand sich direkt im grausigen Touristenviertel der Stadt, genau zwischen ehrwürdig alten Moscheen und dem „Four Seasons“. Es war spartanisch. Zwei Duschen und zwei Toiletten für ca. 30 Leute versus gratis WiFi. Das Frühstück war okay, nur hatte man meistens einen netten Hangover und verpasste es natürlich. Wir besuchten allerlei Dinge, die, was den Eintritt betraf, die Urlaubskasse schon am ersten Tage sprengten. [An dieser Stelle möchte ich mich offiziell über das magere Essen beschweren. Schämt euch uns so einen Mist wie kalten Dürüm ohne Sauce, Tomaten, oder einer Spur Fleisch anzudrehen!]
Schlechtes Mittagessen: Check! Shisha-Café. Check! Schlechtes Abendessen: Check! 4 Bier für 7 Euro: Check! Trinkspiele bis 3 Uhr morgens: Check!
Der Rest der Reise gestaltete sich insgesamt genauso. Die Gruppe war dermaßen groß und unbeweglich und vom Kater zerfressen, dass wir die Zeit leider dementsprechend vertrödelten. Natürlich haben wir es uns nicht nehmen lassen, richtig Party zu machen. Der Abend war auch echt gut! Nur befanden wir uns eher im unteren Drittel was Qualität und Spaß betraf, wenn man im Nachhinein feststellt, was das Istanbuler Nachtleben doch wirklich zu bieten hat. Nach einer Bootstour und weiteren Shisha-Bars folgte am entscheidenden letzten Tag, ein wunderschöner Ausflug auf die asiatische Seite Istanbuls. Eine Gruppe jüngerer und älterer Damen veranstalteten einen riesigen Kuchen- und was-die-türkische-Cuisine-sonst-so-zu-bieten-hat-Bazar. Sie sammelten Geld für die Opfer des Erdbebens in der Osttürkei und wir stopften uns alle gehörig mit den leckersten handgemachten Sachen voll. Ich erkannte die Organisation sofort wieder. Letztes Jahr versuchte ein Schiff dieser NGO den Gaza-Streifen mit Hilfsgütern zu erreichen und wurde von einem israelischen Spezialkommando gewaltsam aufgehalten. Mehrere Menschen starben. Seit diesem Kuchenbazar rede ich regelmäßig mit Amr aus Palästina über allerlei Dinge. Es ist erstaunlich wie ähnlich unsere Kulturen sind und es ist traurig dass man nichts darüber weiß… Meine Meinung ist fern ab von jeglicher politischer Einstellung, aber seitdem gehört Amr zu meinen engsten Freunden in Thessaloniki.
Ich spare natürlich gerade viele Dinge aus… Zum Schluss möchte ich kurz von der Rückfahrt berichten. Wieder einmal steckten wir an der türkischen Grenze, im Duty-Free-Shop und an der griechischen Grenze fest. Nur hieß es dieses Mal „Taschenkontrolle“! Und natürlich nicht stichprobenartig, auch nicht willkürlich, sondern gezielt und diskriminierend zugleich. Lediglich unsere 4 osteuropäischen Freundinnen und eine Argentinierinnen wurden wegen (General-) Verdachts auf Drogenbesitz bis auf die Unterwäsche gefilzt. Eine wirklich ungerechte Scheiße. Der andere Deutsche, Freund meiner ungarischen Mitbewohnerin, und ich schauten dem Prozedere mit dickem Hals zu (natürlich nicht allem). Als Thies dann wirklich richtig sauer wurde und den griechischen Officer anschrie und sichtlich bemüht war, ihn zusammenzufalten, brachen die Beamten das Ganze vorzeitig ab. Auf der Rückfahrt waren die Mädels zum Teil etwas verstört und zum Teil ziemlich erbost. Was ist denn die EU-Mitgliedschaft Wert, wenn man das Gleichheitsprinzip mit Füßen tritt? „Risikogruppe Osteuropäer“ hieß es. Bullshit.
Im Großen und Ganzen hatten wir eine fantastische Gruppe. Der Wert des kulturellen Austausches und der immer engeren Freundschaften lassen sich kaum in Worte fassen. Amr aus Palästina und Romain aus Frankreich gehören zur Zeit zu meinen engsten Freunden. Während des Trips waren wir definitiv die Clowns der Gruppe, Reibepunkte für die anderen und immer unterwegs.
Nach so vielen spannenden Tagen bekomme ich ein wenig Wehmut und möchte gern bis Juli hierbleiben. Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust.
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