Mittwoch, 14. Dezember 2011

Der Anfang vom Ende (Paraka-fucking-lo)

Servus.

Ich gestehe demütig ein, dass ich seit längerem nichts mehr gepostet habe. Es ist natürlich nicht so, dass hier nichts passiert wäre oder ich nichts erlebt hätte, was nicht wert wäre, niedergeschrieben zu werden. Mit Faulheit hat es auch weniger zu tun. Denn je näher der Tag der (ersten) Abreise zurück nach Hause rückt, desto mehr stellen sich die Gedanken der Heimkehr in den Vordergrund. Ich denke, die Erasmus-Studenten, die dies hier lesen, teilen diese Erfahrung. Die Tage werden nicht länger. Nein. Sie werden in der Tat immer kürzer. Die Wochen rasen nur so dahin. Nach meinem ersten Examen letzte Woche habe ich das besonders intensiv gespürt. Auch die Gespräche mit den anderen versteifen sich immer mehr auf die Themen "Datum der Abreise, Datum der Rückkehr" und dann natürlich auf den schlimmsten Punkt: "Und wann kehrst du endgültig zurück?". Augenscheinlich bin ich einer der ersten Rückkehrer, was für diejenigen, die noch bis zum Ende des Semesters bleiben und insbesondere für die, die noch bis Ende Juni in Griechenland verweilen, ein ständiger Grund für Melancholie oder umgekehrt ein Grund für Spott ist. Das Schicksal wollte es so, dass ich die engsten Freunde bei denjenigen gefunden habe, die für zwei Semester bleiben. Ein gemeinsamer Trip nach Ostdeutschland, Tschechien und Polen ist schon längst geplant. Auch meine Reise nach Paris und Rennes im Sommer ist schon in trockenen Tüchern. Also alles kein Grund für Wehmut und Schwermütigkeit. Obwohl man bei der ersten Verabschiedung für Weihnachten schon ein mulmiges Magengefühl hat.

Ich freue mich dennoch darauf nach KMS zurückzukehren. Wir sehen uns dann dort würde ich sagen! Stichtag: Montag, der 19.12. :)

Salute!


P.S.: Alle, die auf einen ausführlichen Reisebericht von meinem Trip nach Skopje & Tetovo (Mazedonien) hofften, muss ich leider vertrösten. Vielleicht werde ich ihn noch schnell verfassen. Doch erstens ist dieser Trip zu verrückt gewesen, um ihn eben mal abzutippen und zweitens liegt es wohl nahe ihn ausführlich mündlich überliefern. Parakalo.

Montag, 28. November 2011

Im Facebook unter "Aids-Party"

Herbst ist da

Eine wieder einmal durchlebte Woche liegt hinter mir:

Ausflug nach Ioannina & Metsovo:
Nach dem ereignisreichen Trip nach Athos, zog ich es vor, mich zurückzulehnen und einen vom ESN (European Student Network)- Thessaloniki organisierten Ausflug zu frönen. Dies geschah höchst spontan und meine einzige bekannte Begleitung war Maija aus Lettland. Im Bus waren mir ca. 90% der Leute gänzlich unbekannt, was ein erneutes Indiz ist, wie viele Erasmus-Studenten in Thessaloniki leben.
Ganz gemütlich ging es also in die Berge Nordgriechenlands nach Ioannina- eine mittelgroße Stadt mit einem mittelgroßen See und mittelgroßen Bars, in denen ich meinen ersten Abend verbrachte. Neben einer nicht allzu spannenden archäologischen Stätte und einer großzügigen Stadterkundung, ging es des späten nachmittags auf die idyllische Insel inmitten des schon angesprochenen mittelgroßen Sees. Da es kalt, jedoch auch sonnig war, fand ich mich wieder, wie ich alleine die Insel umrundete. Dabei nahm ich wirklich gelungen Bilder auf, die ihr wie immer auf meinem FB-Profil anschauen könnt :)
Auf der Rückfahrt zum Hotel waren alle querlängs durchgefroren und keiner hatte Lust die 20min von schräg nach links (also vom Hotel zur Innenstadt) zu laufen, um die Bars wieder mit seinen Euros zu Füttern wie die Tiere im Streichelzoo.
Daher kam einer unserer "Lehrer" auf die Idee "let's go to Lidl to buy some cheap alcohol". So kam es dann auch und es war ein Gelage, wie man es zuletzt in der Jugendherberge mit Hinz und Kunz durchlebt hat. Dem Hangover am nächsten Morgen begegnete ich mit Sonnenbrille und einem fröhlichen "Kalimera!", als ich das Frühstücksbuffet betrat.
Danach ging es also nach Metsovo. Einer süßen Bergstadt inmitten von Braunbären, Waldbeeren und Skigebieten. Die Stadt war trotz des Bombenwetters ein verräuchertes Elend. Denn an allen Ecken und Enden wurden riesige Slouvaki-Spieße gegrillt. Natürlich hab ich es mir nicht nehmen lassen, mir jene schmecken zu lassen. Nach einem mittelkurzen, zweisamen Spaziergang durch die Stadt waren wir auch schon wieder in Thessaloniki.
Nächster Trip: Mazedonien oder Athen.

Party-Schedule, Kalenderwoche 51:
Ich denke, es ist mal ganz interessant aufzuzeigen, welchen Anforderungen an das Nachtleben ich hier ausgesetzt bin.

1) Mittwoch: Wohnheimparty in Kassandrou. Die erste Wohnheimparty in Kassandrou stand eigentlich unter keinem guten Stern. Denn die Bewohner kennen sich gegenseitig so gut wie gar nicht! Die meisten haben ein Einzelzimmer; eine gemeinsame Küche o.Ä. gibt es auch nicht! Trotzdem waren auf der offiziellen FB-Einladung ca. 40 Leute eingeladen - am Ende waren es gut 80. Zuerst glühte man bei Daan, unserem allerliebsten Entertainer aus Holland, vor. Dann stellte man sich ins Treppenhaus, weil eben besagtes Gemeinschaftszimmer nicht vorhanden war. Mit steigendem Pegel wurde die Party zusehends nach draußen verlagert. Das Erklimmen eines geparkten, weißen Vans (der sich am nächsten Tag als gut getarnter Leichenwagen herausstellte) und eine großanlegte Kissenschlacht folgten. Da meine besten Freunde es vorzogen sich eine weibliche Begleitung für die Nacht zu verschaffen. Ging ich mit Yoann und weiteren bemerkenswert sympathischen Franzosen ins sogenannte "Basement". Diesen perfekt ausgestatteten Party-Keller hatte ein Grieche für Erasmusstudenten eingerichtet, da er seinen eigenen „Erasmus Spirit“ am Leben halten wollte. Er, nun gut 40, war vor 15 Jahren selbst in Spanien und fand es so klasse, dass er nun Kicker, Musikanlage, Fernseher und Bier (für 75Cent, mit Ouzo-Schuss 1€) feilbietet.
Zu Hause um 5.30 Uhr.

2) Donnerstag: Erasmus-Party und Double-Birthday im Figaro.
Es ist einer meiner weniger geliebten Clubs. Daria aus Polen und Lucka aus Tschechien feierten dort ihren Geburtstag - die eine heraus, die andere hinein. „Pre Party“ war dieses Mal im Matsi-Wohnheim, wo so ziemlich die Hälfte meiner engeren Kontakte wohnt. Die Pre Party war, wie jedes Mal, jäh unterbrochen vom Gekeife, einer Rentnerin, die, warum auch immer, auch in diesem Wohnheim lebt und die sich, aufs neue, von unserem gut gelaunten Ambiente gestört wurde. Die halbe Stunde zum Club in klirrender Kälte haben wir dann auch schnell rumbekommen und nach einem Abend, dem ich 6,5 von 10 Sternen gebe, ging ich dann gemütlich meine 5 Minuten nach Hause.
Zu Hause um 5.45 Uhr.

3) Freitag: Campusparty in der Maschbau-Fakultät.
Nachdem uns schon zwei Hangover schachmatt gesetzt hatten, gingen wir es zunächst sehr ruhig an, trafen uns bei Romain, tranken so gut wie nichts und wussten auch nicht wohin uns der Abend trägt. Auf Matsi hatten wir keine Lust und für einen dieser "Fancy Clubs" waren wir zu kaputt. Also gingen wir auf einen 90Cent Double-Hot-Dog am Kamara-Platz, dem Treffpunkt Nummer 1in Thessaloniki und so eine Art Chemnitzer Zenti. Wir endeten nicht weit weg in Friedemanns Wohnung, wo uns sein sichtlich zugekiffter Mitbewohner (Amerikaner mit russischen Wurzeln) und ein mazedonischer Bekannter erwarteten. Nach einigen Runden Bier, süßem Schnaps und 4-5 SMS, die uns Übersicht über die freitagabendliche Lage verschafften, ging es also zum Campus. Jeden Freitag findet dort in der Faculty of Engineering eine typisch griechische 0815-Party statt. Der Laden ist voll, der Alkohol ist günstig und die Musik auch irgendwann erträglich. Man darf sich die Szenerie nicht wie eine typische Mensa-Party mit Organisation, Sitte und Ordnung vorstellen. Organisation: ein paar Studenten, die auflegen und einschenken. Sitte und Ordnung: fehl am Platz. Es hat Tradition, dass die Studenten das ganze Geschehen selbst bestimmen, sodass weder Polizei, noch andere ordnungsbestimmende Subjekte den Zutritt zum Campus wagen. So gehen jedes Mal mehrere Scheiben zu Bruch und die Flure sind übersät mit Graffiti und es interessiert buchstäblich "keine Sau". Die Maschbau-Fakultät ist ein Extrembeispiel, aber so sieht es fast überall aus.
- Zu Hause um 5.00 Uhr.

4) Samstag: Thanksgiving and Spanish Movie Party:
Nachdem ich, im Gegensatz zu den Tagen zuvor, nicht zwischen 14 und 17 Uhr, sondern schon um 11 mit aufgewacht bin, dachte ich mir "was solls" und machte mich sogleich an den Herd, um wie es mein Bandkollege Falko aus Dresden einmal so schön formulierte "Klitscher aus Klotzsche" zu kochen. Denn es war Thanksgiving und Maria aus New York hatte mich und eine breites Portfolio aus west-mitteleuropäischen Landen eingeladen, jenes Fest mit ihr zu zelebrieren. Nach drei Stunden in der Küche und einem spannenden Spiel BVB vs. S04, das ich im Livestream verfolgt hatte, ging es also ans Ende der Stadt in eine gut 65qm große Wohnung, die Maria allein bewohnt (logisch, wenn man ein immenses Stipendium besitzt und bedenkt, dass man über 30min zum Campus braucht). Zu meinen Potatoe-Pancakes gab es zusätzlich noch Corn Soup und Salat, natürlich Turkey, Stuffing, Pumpkin und Rice, Pasta mit Cheese, Smashed Potatoes, Peaches mit Tuna, Cocos Cake und Cheese Cake mit Cheeries. Gott, ich bin immer noch satt! Sichtlich gebeutelt von dieser Völlerei aus Essen, Rotwein und belgischem Bier trieb es uns Männer noch einmal hinaus ins Zentrum. Wir schlugen im Basement auf und nach ein, zwei erfolgreichen Kicker- bzw. Bier-mit-Ouzo-Runden sowie einem seltsamen Gespräch mit einem gut 40 Jahre alten Spanier, führte uns der SMS-Verkehr zu einer spanischen Party. Endlich eine Party in einem dieser berühmten „Spanish Flats“. Die Spanier hatten irgendwie das Motto verfehlt. Das eigentliche war "Filmcharaktere", aber es sah eher nach einer Bad Taste Party aus, zu der es ausschließlich spanische Musik hagelte. Der Lärmpegel war überaus hoch! In anderen Wohnungen wäre um 23 Uhr schon längst entweder die Polizei oder der 80 Jahre alte Nachbar mit Pyjama und Besen erschienen. Insgesamt war es irgendwie so grotesk und witzig, dass wir uns bis 6.30 Uhr am Leben hielten und ich nach einem letzten 90-Cent-Hot-Dog schließlich
um 7.00 Uhr zu Hause war.

Montag, 21. November 2011

Demonstration in Thessaloniki am 17.11.2011



Das Video haben Friedemann und sein Mitbewohner letzten Donnerstag in den Straßen von Thessaloniki gedreht. Anlässlich des Feiertags zu ehren der getöteten Studenten bei der Revolte gegen die Militärdiktatur vor etwa 35 Jahren gingen ca. 15.000 Menschen auf die Straße. Größtenteils blieb es friedlich, lediglich die Videokameras vor den Banken wurden von der Fassade geschlagen. Noch bis nach Mitternacht lag Tränengas in der Luft...
Besondere Aufmerksamkeit bei: 1.58min und 6:09min (wenn jemand Action sehen will)

Trip to Athos: Reisetagebuch part 3

Athos, Südspitze, ca. 19.15Uhr: "Pennst du schon?" - "Nö."
Zehn Minuten später stand der Plan für den kommenden Tag fest. Mit den ersten Sonnenstrahlen wollten wir die etwa vier Stunden entfernte Anlegestelle unserer vorherigen Herberge erreichen, da diese auf der eher ruhigen Westseite der Halbinsel und damit im Windschatten eine ruhigere See bietet. Dachten wir.
Am nächsten Morgen also standen wir eine gute Stunde später, als wir uns eigentlich vorgenommen hatten, auf. Es war einfach noch zu kalt und zu dunkel. Als wir dann endlich soweit waren, wieder nach Agia Anna zu sprinten, wurden wir sogleich von unserem Gastgeber abgefangen und zu griechischem Kaffee (der mit viel Bodensatz), Süßkram und Obstler eingeladen. Die peinliche Stille am Tisch hielt Gott sei Dank nur wenige Minuten an, die sich jedoch sehr intensiv anfühlten, da uns der Mönch Löcher in die Gesichter starrte.
Jedenfalls waren wir unfassbar schnell in Agia Anna, die letzte Strecke bin ich quasi geflogen und war gut 20 Minuten vor Friedemann da. Mein Timing hätte besser nicht sein können, denn gerade kamen Neuankömmlinge aus dem Nebenkloster. So gab es einmal mehr Kaffee, Süßkram und Obstler. Irgendwie unausgewogen. Anyway. Fast vergaß ich nach der Fähre zu fragen, hätte ich mir eigentlich auch sparen können. Denn alle Fähren bis 12 Uhr fielen schon mal aus und die danach waren auch mehr als fraglich. Mein Blick auf das Meer ließ mir die Antwort auf die Frage "warum zum Teufel?!" schnell dämmern. Der Wind kam nun von Norden und spülte quasi alles aufs offene Meer hinaus, was nicht niet- und nagelfest war. Die Frage nach einem großen Deutschen mit auffallend weißer Jacke und chinesischen Wurzeln blieb auch ohne Ergebnis. Nachdem dann Friedemann eingetroffen war, seinen Kaffee runterwürgte (entsetzlich süß!) und mir seinen Obstler schenkte, gingen wir leicht beschwippst (jedenfalls ich) unserer Wege. Wir saßen ja de facto fest. Es gab kein Entkommen von der Halbinsel, da wir auch viele Kilometer von unserem Ausgangspunkt waren.
Da die Sonne herauskam und in windgeschützten Ecken aus sich anfühlte als wäre der Lenz persönlich Gast im Hause Athos, entschieden wir uns einfach die Zeit zu genießen und dankbar für diesen Extratag zu sein. Als hätte uns diese Entscheidung positiven Karma gegeben, trafen wir 5 Minuten später auf Micha, der langsam aber kontinuierlich in dieselbe Richtung, mit demselben Plan lief. Er erzählte uns von seiner Gipfelerklimmung, die wirklich nicht allzu spaßig gewesen war. Sein immenses, triumphierendes Grinsen übertünchte dies aber fantastisch.
So zogen wir weiter. Teilweise lachend, dann wieder ruhig und die Natur genießend. Teilweise auch marodierend, da uns der Hunger Mandarinen und Orangen von den Bäumen der Klöster stehlen ließ.
Die restliche Zeit war sehr angenehm. Im T-Shirt zogen wir binnen 4-5 Stunden von Kloster zu Kloster und trafen schließlich in einem sehr schönen, direkt am Strand ein und waren zugleich perfekt im Timing (Abendessen) und auch am nächsten Morgen gegen 8 zum Mittagessen. Es hat was für sich, um diese frühe Stunde Fisch, Spinat, Feta und Rotwein zu sich zu nehmen, dem Genuschel eines Mönchs zu lauschen, der aus einem Buch liest, und dann pünktlich zum Gongschlag gezwungen zu sein aufzustehen und zu gehen.
Der Rest war ein Kinderspiel und die Heimreise halbwegs angenehm.
In Thessaloniki waren alle voller Sorge, da wir uns ab und zu gemeldet haben, was so los ist - aber natürlich nur in den dramatischen Momenten :)

- Ende -


P.S.: Ich muss die Echtzeitberichterstattung aufgeben, da einfach ein Trip nach dem anderen kommt und ich auch komplett das Schreiben über das Uni- und Stadtleben vernachlässigt habe!

Donnerstag, 17. November 2011

Trip to Athos: Reisetagebuch part 2

Der Plan stand schon früh am Vortag fest. Da wir ja beschlossen hatten einen Tag länger zu bleiben, nahmen wir uns vor, uns bis zur Südspitze der Halbinsel vorzukämpfen, um den heiligen Berg Athos zu erklimmen. Der Gipfel liegt auf 2033m Höhe und der Ehrgeiz in mir war vollständig geweckt, als ich bemerkte, dass es nur schlappe 5 Stunden von Agia Anna aus sind. Das Problem war nur, dass wir auf gut 200m Höhe starten mussten und daher der Großteil des Aufstiegs noch vor uns lag. Auf etwa 1000m trennte sich die Spreu vom Weizen: ich ging relativ schnell voran, Micha nur unweit hinter mir, aber Frieder hatte einige Probleme hinter uns. Das erste Ziel lag auf 1500m Höhe. Es handelt sich um eine kleine Hütte, die ein wenig Schutz und Rast bieten sollte. Auf dem Weg nach oben wurde es zusehends ungemütlicher neben den orkanartigen Winden, verschwand die Sonne unter einer dichten Wolken- bzw. Nebelsuppendecke. Außerdem war es ausgesprochen kalt! Wir trafen eine Gruppe griechischer und später eine Gruppe russischer Wanderer. Die Griechen bekräftigten mein Bild von einer luxiorösen Berghütte, die nicht mehr weit entfernt war. Allerdings deuteten sie auf meine gefälschten sechs-Euro-Chucks aus Istanbul und gaben mir den Rat, lieber vorsichtig zu sein. Die Russen waren etwas freundlicher und teilten Süßkram und Mail-Adressen mit mir. Die vollständig im militärischen Camouflage gekleideten und ausgesprochen aufgedrehten Herren versuchten mir mit wirklich ausgesprochen schlechtem Englisch klar zu machen, dass es da oben wohl ein kulinarischen Eldorado zu finden gibt mit Betten weich wie Wolken...oder so ähnlich. Jedenfalls machte sich bei mir die Skepsis ob dem Erfolg dieser Mission langsam breit. Nachdem mir Sergej seine Handschuhe als Abschiedsgeschenk überreichte hatte, zogen Micha und ich weiter, Frieder war nirgends zu sehen. Hm.
Die Wege wurden zusehends verschneiter und unübersichtlicher. Irgendwie schaffte ich es dann doch zu dieser Hütte, die zwar stabil aussah, eher dem Komfort einer schlecht beheizten Kapelle ähnelte. So war es dann auch. Es war tatsächlich eine schlecht beheizte Kapelle mit einer Feuerstelle, einem Brunnen, ein paar Gaskochern und einem Raum mit Eisenbetten - einige mit Schaumstoffmatratzen versehen. Die Russen hatten gut lachen, besaßen sie doch Schlafsäcke, Winterausrüstung und warme Kleidung. Plötzlich heulte der Wind stark auf und Frieder trat herein. Eigentlich hatte ich ja Micha erwartet, aber darum kümmerte ich mich nicht weiter. Wir versuchten vergeblich ein Lagerfeuer zu entzünden und spätestens da war klar, dass wir hier auf keinen Fall nächtigen wollen! Wir versuchten Micha zu kontaktieren doch nach ein paar Worten wurde das Handy-Gespräch von dem nächsten Hieb aus Schnee, Eis und Windstärke 11 unterbrochen. Es war wirklich bitterkalt und extrem windig - unmöglich den Gipfel zu erreich vor allem da es noch 500m zu überwinden galt! Eine SMS traf ein: "Gehe zum Gipfel. Griechen sagen, wir können da schlafen. Sehen uns oben. Letzte SMS, dann ist Akku leer". Toll. Wir hatten ihn also verloren.
Wir antworteten dass wir zu der Unterkunft gehen die wir nach dem Abstieg eigentlich zur Übernachtung vorgesehen hatten und hofften dass er diese SMS noch erhält, noch bevor er zu einer Eisskulptur erstarrt. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass Micha meisterlich die Hütte umgangen ist, wahrscheinlich in nicht einmal 15m Entfernung. Wir stiegen also ab und es dauerte eine halbe Ewigkeit bis wir wieder die Sonne im Gesicht hatten. Nach der anderen Hälfte der Ewigkeit sahen wir endlich unsere Herberge. Auf dem Weg nach unten fühlten wir uns, als hätten wir 3 Jahreszeiten durchwandert. Winter an der Hütte, Herbst nach den ersten Sonnenstrahlen und Frühling an der Küste. Der Wind ebbte jedoch niemals ab. Total erschöpft angekommen, schlichen wir uns Richtung Kirche. Meine Beine zitterten vor Hunger, denn wieder gab es nur Äpfel und gestohlene Orangen zu essen den ganzen Tag. Ein Mönch ließ uns herein und gab uns einen großen Teller mit Brot, Oliven und Bohnensuppe (ein absolutes Festmahl!). Für die Kommunikation mussten wir uns Frieders iPhone-App bedienen, da der Mönch kein Wort Englisch sprach. Unser Hauptinteresse lag vornehmlich darin, zu erfahren, wann die Fähre von dieser letzten Bastion am Ende der Welt abfährt. Der Mönche lachte kurz mit einem "No, no, no, no!" auf. Was so viel hieß "keine Fähre". Er untermalte diesen Punkt indem er die Backen dick aufblies und dann einen Windstoß mimte. Klingt eigentlich ganz witzig, bedeutete aber, dass wir festsaßen - am Ende der Welt ohne Griechischkenntnisse und ohne Micha. 18Uhr. Schlafenszeit.
...

Mittwoch, 16. November 2011

Trip to Athos: Reisetagebuch part 1

Nach knapp zwei Wochen war es nun mal wieder Zeit für einen "Ausflug" und wie so oft entstand die Idee für diesen Ausflug mehr als nur spontan. Eines Morgens, ich war gerade mit zwei Deutschen auf der „2. Deutsch-Griechischen Städtetagung“ (größtenteils wegen dem kostenlosen Catering), stieß ein weiterer deutscher Erasmus-Student zu uns und erzählte von seinem Vorhaben zur Mönchsrepublik Athos zu reisen. Friedemann und ich waren hellauf begeistert und gingen nach einem ausgiebig zusammengeschnorrten Frühstück zum "Pilgrims Bureau Thessaloniki". Friedemann und ich hatten zwar unsere Ausweise vergessen, aber sagten zu, die grundlegenden Perso-Daten dem Bureau per Mail zu schicken. Bei Micha lief alles glatt.

Was ist Athos? Athos ist eine Halbinsel, die halbautonom von der griechisch-orthodoxen Kirche verwaltet wird. Man braucht eine Erlaubnis/ ein Visum von einem der zuständigen Pilgerbüros um dort hinzugelangen. Pro Tag ist es lediglich zehn nicht-Orthodoxen erlaubt die Halbinsel zu betreten und das auch nur für max. 4 Tage. Auf der Halbinsel selbst leben ca. 2000 Mönche in zumeist griechisch-orthodoxen Klöstern, Kirchengemeinden oder Einsiedeleien. Daneben existiert noch je ein russisch- und ein bulgarisch-orthodoxes Kloster. Weiterhin leben unzählige Saisonarbeiter auf der Insel: Handwerker, Holzfäller usw.
Was kann man dort unternehmen? Pilgern.: als von A nach B wandern,um Obdach und Mahlzeit zu ersuchen. Kurzum: laufen, beten, essen, schlafen.

Jedenfalls: Friedemann aus Brandenburg (Jurastudent), Michael aus Kiel (34 Jahre jung und Theologiestudent) und meine Wenigkeit fuhren also Freitagmorgen um 6.00 Uhr von Thessaloniki mit dem Bus nach Ouranoupolis, um mit der dort erteilten "Permission" mit einer der Fähren weiter die Halbinsel runter nach Dafni zu fahren. Leider lief da etwas mit Friedemanns und meiner Permission schief, da wir nicht im System waren. Er vermutete sofort, dass unsere Mails im Spam-Ordner des Pilgrims Bureaue gelandet sind. Shit. Keine Chance an diesem Tag nach Athos zu kommen. Micha zog alleine los. Friedemann und ich blieben total angepisst und vom Regenwetter gepeinigt am Hafen zurück. Und nun? Hostel suchen, hinlegen und den Typ in Thessaloniki die Leviten lesen! Das taten wir auch und wir erhielten die Zusage am Tag darauf die Permission zu bekommen. Wir vertrödelten den ganzen miesen Tag dann mit Biertrinken und herumwandern. In Ouranoupolis war nicht viel zu holen Mitte November. Das Hostel war echt gut und relativ preiswert und so ging der Tag auch schnell rum.

Tags darauf verlief alles sehr schnell. Wir bekamen die Permission und schon saßen wir im Schnellboot nach Dafni. Man konnte rein gar nix von der Umgebung erkennen, da die Fenster total mit Salz verkrustet waren und so blieb mir nur das Studieren der Passagiere. Die meisten waren Arbeiter und wurden hier und da unterwegs bei dem einen oder anderen Kloster abgeladen. Die meisten hatten einen nicht unerheblichen Vorrat an Wein und weiteren Köstlichkeiten bei sich.
In Dafni angekommen deckten wir uns mit allerhand Kartenmaterial ein und stießen mit einem kleinen 80cent-Bier auf unser eintreffen an. Micha stieß auch alsbald zu uns und wir schmiedeten gewaltige Pläne: 1. wir bleiben einen Tag länger, 2. wir nehmen eine Fähre Richtung Süden. Gesagt, getan und wir erreichten den zuckrigen Süden der Halbinsel. Atemberaubende Landschaft! Man kann es auf den Bildern sehen und ich glaube ich sollte nicht zu viele Worte darüber verlieren. Wir stiegen also beim ersten Kloster aus, sahen uns um, verpassten aber leider den Begrüßungsschnaps! Also gingen wir wieder eilig unserer Wege. Im nächsten Kloster, es war "schon" 15 Uhr, fand gerade die Abendmesse statt. Nach kurzem Gespräch mit einem jungen Mönch, war es uns erlaubt einzutreten aber nur in den Vorsaal, da wir keine Orthodoxen sind (ich gab während der ganzen Reise vor Protestant zu sein, wie die anderen beiden, da es für mich schwierig geworden wäre meine ungläubige Einstellung mit der sozialistischen Herkunft meiner Familie zu erläutern). Gleich darauf wurden wir zum Abendessen eingeladen, was ein wenig Aufsehen erregte, da wir auch einen eigenen Tisch bekamen. Wir waren übrigens total schlecht ausgerüstet: eine Flasche Wasser und so gut wie nichts zu essen dabei. Deswegen kam uns der Mahlzeit sehr gelegen: Oliven, Brot, Wasser und eine wirklich gute und dicke Mehlsuppe mit Kräutern und Gemüse aus dem Klostergarten.
Wir zogen nach einen herzlichen Verabschiedung der Mönche von Agio Pavlo wieder unserer Wege zum nächsten Plätzchen- einer kleinen Kirche mit nur wenigen Mönchen und Gästen. Die Frage, ob wir denn schon gegessen hätten verneinten wir mit freudigem Blick und schon saßen wir wieder vor einem Berg von Brot, Oliven und Spaghetti mit etwas Lammfleisch. Kräftigst gestärkt klauten wir wieder die übrigen Äpfel vom Tisch und gingen zur nächsten Messe. Ein gute Stunde murmelndes Griechisch kombiniert mit wohlriechendem Weihrauch oder Myrre (ja, ich glaube, es war Myrre…). Danach war der Ablauf klar. Zähneputzen und ab ins Bett…um 19Uhr. Vor dem Hintergrund, dass die erste Messe schon um fünf Uhr morgens weitergeht, war die Zu-Bett-Geh-Zeit ziemlich praktisch. Von den Sägewerkgeräuschen des Schlafsaals der Nach abgesehen, war es eine gemütliche Zeit in dem 12-Mann-Zimmer. Nach der Messe, dem überzuckerten griechischem Kaffee und Süßigkeiten machten wir uns gegen 8 Uhr auf den Weg, denn wir hatten großes vor…

Freitag, 4. November 2011

Hommage Thessaloniki

Mit der Sonne im Gesicht,
und Paul auf den Ohren,
ist die Uni schnell in Sicht.

90 Minuten lang gegohren,
und die Suche nach Internet verloren.
Romains Wohnung ein Refugium,
der Flüchtling vor dem Schrim bleibt zufrieden 2 Stunden stumm.

Prespa, Kastoria und Istanbul hinterließen ihre Spuren.
Der Magen von türkischer 50Cent Coca Cola zerfressen,
und das Hirn kommt wegen billig Bier auch nicht mehr auf Touren.
Noch eine Woche feiern wie bessesen...

Hund, Katz und so manch Taub' in den Straßen,
der Müll ward jedoch fortgetragen.
Das Referendum schon wieder abgeblasen,
die Regierung abgestanden, wie altes Bier.

Griechenland, du Perle der Ägäis,
in die gährt eine unbeschreibliche Messe.
Quo vadis?
In deinem Gesicht sehe ich nur noch Blässe.

Ich traue Dir und ich trauere um Dich,
die schönsten Stunden verbrachte ich mit Dir.
Seit Äonen ist der Mythos vergessen,
Du kannst Dich fortan nur an dir Selber messen.
Denn lernen kannst Du nur allein, wie ich.

Fin.


#Jeder Fachfrau/jedem Fachmann bitte ich um Nachsicht, was die Stilistik betrifft.

Dienstag, 1. November 2011

I-i-i-i-i-istabul ! ! ! ! (a.k.a. Konstantinopel, a.k.a. Byzanz)

Nachdem ich mich ganze 40 Stunden von meinem letzten Ausflug erholen konnte, winkte auch schon der doppelte griechische Feiertag. Und was macht man wenn man sechs Tage Lenz hat? Genau. Man löhnt 64 €für eine 10-stündige Busfahrt in einer der aufstrebendsten Städte der Welt. Was die Entscheidung für dieses Unterfangen betraf, so hielten sich Spontanität und Skepsis exakt die Waage. Spontanität natürlich, weil gerade einmal seine schmutzigen Socken vom letzten Wochenende gelüftet hatte und Skepsis, weil unsereins nicht gerade der Fan des türkischen Morgenlandes ist. Nachdem ich zum Ende der großartigen neunziger Jahre mit meinen Großeltern sieben sonnige Tage in einer dieser berühmt berüchtigten All-Inklusive-Hotelfestungen zugebracht hatte, lässt sich meine Beziehung zu Kebap-Country eher mit der Zuneigung zu einem guten Stück kalter Bratwurst vergleichen.
Jedenfalls ging es nun am Dienstag um 23.30 Uhr (Ortszeit Thessaloniki) ca. 600km straight in Richtung Osten. Die Anzahl der Menschen in der Gruppe belief sich auf knapp 15 Leute, wobei 14 in einem einzigen Hostel-Zimmer zubringen sollten. Die Truppe war wieder einmal bunt gemischt: 3 Belgier, 1 Franzose, 1 Holländer, 2 Iren, 2 Spanier, 1 Serbin, 2 Polinnen, 2 Deutsche, 1 Ungarin, 1 Palästinenser, 1 Amerikanerin… Ich glaube so war es. Daneben gab es noch zwei weitere Erasmus-Gruppen die parallel aber nicht mit uns in Istanbul den Tag vertrödelten. Vorteil jener Gruppen: ihr geringe Größe.
Nach 2 Stunden Aufenthalt, an zwischen und nach der griechisch-türkischen Grenze (Visa, Passkontrolle, Duty-Free-Shop), erreichten wir nach 0,5 Stunden Schlaf die Stadt unserer Sehnsucht – aber zunächst Mitten im Nirgendwo. Ein Shuttle-Bus brachte uns dann auf den Taksim-Platz, wo wir erst einmal weitere 2 Stunden im Nieselregen um Orientierung ringen mussten. Unserer Hostel befand sich direkt im grausigen Touristenviertel der Stadt, genau zwischen ehrwürdig alten Moscheen und dem „Four Seasons“. Es war spartanisch. Zwei Duschen und zwei Toiletten für ca. 30 Leute versus gratis WiFi. Das Frühstück war okay, nur hatte man meistens einen netten Hangover und verpasste es natürlich. Wir besuchten allerlei Dinge, die, was den Eintritt betraf, die Urlaubskasse schon am ersten Tage sprengten. [An dieser Stelle möchte ich mich offiziell über das magere Essen beschweren. Schämt euch uns so einen Mist wie kalten Dürüm ohne Sauce, Tomaten, oder einer Spur Fleisch anzudrehen!]
Schlechtes Mittagessen: Check! Shisha-Café. Check! Schlechtes Abendessen: Check! 4 Bier für 7 Euro: Check! Trinkspiele bis 3 Uhr morgens: Check!
Der Rest der Reise gestaltete sich insgesamt genauso. Die Gruppe war dermaßen groß und unbeweglich und vom Kater zerfressen, dass wir die Zeit leider dementsprechend vertrödelten. Natürlich haben wir es uns nicht nehmen lassen, richtig Party zu machen. Der Abend war auch echt gut! Nur befanden wir uns eher im unteren Drittel was Qualität und Spaß betraf, wenn man im Nachhinein feststellt, was das Istanbuler Nachtleben doch wirklich zu bieten hat. Nach einer Bootstour und weiteren Shisha-Bars folgte am entscheidenden letzten Tag, ein wunderschöner Ausflug auf die asiatische Seite Istanbuls. Eine Gruppe jüngerer und älterer Damen veranstalteten einen riesigen Kuchen- und was-die-türkische-Cuisine-sonst-so-zu-bieten-hat-Bazar. Sie sammelten Geld für die Opfer des Erdbebens in der Osttürkei und wir stopften uns alle gehörig mit den leckersten handgemachten Sachen voll. Ich erkannte die Organisation sofort wieder. Letztes Jahr versuchte ein Schiff dieser NGO den Gaza-Streifen mit Hilfsgütern zu erreichen und wurde von einem israelischen Spezialkommando gewaltsam aufgehalten. Mehrere Menschen starben. Seit diesem Kuchenbazar rede ich regelmäßig mit Amr aus Palästina über allerlei Dinge. Es ist erstaunlich wie ähnlich unsere Kulturen sind und es ist traurig dass man nichts darüber weiß… Meine Meinung ist fern ab von jeglicher politischer Einstellung, aber seitdem gehört Amr zu meinen engsten Freunden in Thessaloniki.
Ich spare natürlich gerade viele Dinge aus… Zum Schluss möchte ich kurz von der Rückfahrt berichten. Wieder einmal steckten wir an der türkischen Grenze, im Duty-Free-Shop und an der griechischen Grenze fest. Nur hieß es dieses Mal „Taschenkontrolle“! Und natürlich nicht stichprobenartig, auch nicht willkürlich, sondern gezielt und diskriminierend zugleich. Lediglich unsere 4 osteuropäischen Freundinnen und eine Argentinierinnen wurden wegen (General-) Verdachts auf Drogenbesitz bis auf die Unterwäsche gefilzt. Eine wirklich ungerechte Scheiße. Der andere Deutsche, Freund meiner ungarischen Mitbewohnerin, und ich schauten dem Prozedere mit dickem Hals zu (natürlich nicht allem). Als Thies dann wirklich richtig sauer wurde und den griechischen Officer anschrie und sichtlich bemüht war, ihn zusammenzufalten, brachen die Beamten das Ganze vorzeitig ab. Auf der Rückfahrt waren die Mädels zum Teil etwas verstört und zum Teil ziemlich erbost. Was ist denn die EU-Mitgliedschaft Wert, wenn man das Gleichheitsprinzip mit Füßen tritt? „Risikogruppe Osteuropäer“ hieß es. Bullshit.

Im Großen und Ganzen hatten wir eine fantastische Gruppe. Der Wert des kulturellen Austausches und der immer engeren Freundschaften lassen sich kaum in Worte fassen. Amr aus Palästina und Romain aus Frankreich gehören zur Zeit zu meinen engsten Freunden. Während des Trips waren wir definitiv die Clowns der Gruppe, Reibepunkte für die anderen und immer unterwegs.

Nach so vielen spannenden Tagen bekomme ich ein wenig Wehmut und möchte gern bis Juli hierbleiben. Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust.

Montag, 24. Oktober 2011

Ausflug in die Berge

Die letzten Sonnenstrahlen für‘s erste wurden am letzten Wochenende ausgiebig genutzt. Mit zwei Mietwagen, Marke Nissan und Citroën, ging es in die Berge nahe der albanisch-mazedonisch-griechischen Grenze. Yoann, Romain und Arthur aus Frankreich, Fruszi aus Ungarn, Maija aus Lettland, Julia aus der Ukraine, Amr aus Palästina und Carolin und ich aus Deutschland waren das Team (die Bilder sind bei mir auf Facebook zu sehen). Wir sind ohne große Organisation losgefahren und wussten lediglich wohin es (ungefähr) geht, aber nicht wo wir schlafen. Es ging über endlose gerade Straßen, Autobahnen und am Ende auch über steile Serpeninen bis auf 1500m Höhe in ein Skigebiet. Danach waren wir auch schon an den Prespa Seen nach gut 4 Stunden reiner Fahrzeit. Die Seen sind wirklich einzigartig. Der Tourismus ist dort noch nicht wirklich zu Hause, im Oktober sowieso nicht. Auf der Suche nach Unterkunft kamen wir in ein kleines Dorf mit einer Bibliothek. Dort haben wir zwei ehemalige Erasmus-Studenten aus Spanien und Polen getroffen, die gerade ein 10-monatiges Volontariat absolvieren und die uns gut weiterhelfen konnten. In Psarades kamen wir dann schlussendlich unter- keine 10km von Albanien entfernt. Nach harten Verhandlungen haben wir gut 12€ für die Nacht bezahlt. Am nächsten Tag haben wir die Klosterinsel im kleinen Prespa See besucht, sind aber nach 2 Stunden auch wieder auf der Straße gewesen. Hunger und Tatendrang brachten uns schließlich bis kurz vor den albanischen Grenzübergang. Die Gruppe war allerdings gespaltener Ansicht, ob es sich lohnt nach Albanien zu fahren. Am Ende sind wir dann (und das war die beste Lösung) nach Kastouri gefahren und sind auch dort geblieben. Es erinnert ein wenig an eine mittelalterliche Großstadt. Sie liegt größtenteils auf einer Halbinsel, die umgeben von einem großen See und Bergen wirklich atemberaubend schön gelegen ist. Den Abend haben wir, wie den vorangegangenen, mit internationalen Trinkspielen und einer Art "Werwolf"-Spiel herumgekriegt. bevor wir dann doch die Nacht unsicher gemacht haben. Der erste Club war direkt neben unserem Apartment. Wir freuten uns, dass das Bier nur 2€ kostete, dann stellten wir aber plötzlich fest, dass wir umgeben von 14-17-Jährigen waren. Nachdem ich noch schnell die Facebook-Adresse meiner Band Dolphins Are Gay Sharks auf die Rückseite eines Plakats gekritzelt hatte, ging es weiter zum nächsten...und übernächsten Club- ungewöhnlicher Weise alle ohne Eintritt, sonst sind es 5-10€. Am Ende hatte jedoch einer von uns etwas zu viel intus und schnitt sich außerdem an dem Glas seiner Sonnenbrille, wobei er noch ein wenig kollabiert ist. Aber alles halb so schlimm, wie es sich anhört. Tags darauf ging es nach kleinem Zwischenfall mit dem Vermieter, da er nicht so richtig zufrieden mit dem von ihm angebotenen Preis war, um die Insel. Sichtlich verkatert und wegen des trüben Wetters ging es mit dem Auto durch die Pampa nach Edessa, wo wir den besten griechischen Crêpe und nebenbei auch noch die Wasserfälle genießen konnten. Ein wirklich perfekter erster Ausflug in Griechenland!

P.S.: Da hier diese Woche zwei Feiertage sind, habe ich ausschließlich am Montag Uni. Deswegen geht es Dienstagnacht binnen von 10Stunden mit dem Bus nach Istanbul bis Sonntagmorgen. Also bin ich auch diese Woche nicht wirklich am studieren.

[P.P.S.: Am Sonntag den 18.12. bin ich wieder in Chemnitz!!!!]

Nachtrag

In Deutschland hat es wohl nur Berichte aus Athen gegeben. Jedoch ist wohl in Thessaloniki eine Person ums Leben gekommen. Wie das passiert ist weiß ich leider nicht. Aber ich kann versichern, dass Athen zurzeit sehr extrem ist und ich werde meinen Ausflug dahin erst einmal verschieben.

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Stillstand. Tag 1

Zwei Tage Generalstreik warteten uns also auf mich. Zum Glück waren die meisten Geschäfte außerhalb der City geöffnet und auch die meisten Cafés hatten geöffnet. Wie auch in Athen hatten viele Geschäfte weniger aus Solidarität mit den Demonstranten geschlossen als vielmehr aus der Angst, dass Schaufenster und noch mehr zu Bruch gehen. Den großen Demonstrationszug habe ich leider buchstäblich verpennt.
Das Scharmützel zwischen Polizei und Schwarzem Block habe ich dann aus nächster Nähe verfolgen dürfen. Der Müll der sich auf eine furchtbar ekelerregende Weise immer breiter stapelt wurde kurzerhand in Brand gesetzt. Dementsprechend hat es dann auch gerochen. Die schwarz vermummten Demonstranten haben sich dann auf das Unigelände zurückgezogen, nachdem die Polizei mit Gummigeschossen geantwortet hatte. Leider hatte ich da noch nicht die Courage die Kamera zu zücken. Seit der Militärdiktatur in den 70er Jahren ist es Polizisten verboten den Campus der Unis zu betreten. Die Folge waren also duzende fliegende Steine, die über den Zaun des Campus hinweg in Richtung Polizei geworfen wurden. Steine in die eine Richtung - Tränengas in die andere. Ich hielt mich in ziemlicher Nähe auf und es war auch irgendwie irre spannend. Die Feuerwehr, die endlich die bestialisch stinkenden Müllhaufen beseitigen wollte, hat dann auch noch ein paar Salven Pflastersteine abbekommen. Als der Spuk sein Ende genommen und der Qualm sich gelegt hatte, bin dann in Richtung Campus gelaufen, vorbei an zerborstenen Autoscheiben. Andere Erasmus-Studenten erzählten mir dann von einer mittelschweren Verwüstung auf der Haupteinkaufsstraße.
Mal sehen was der morgige Tag bringt. Immerhin geht‘s Freitag in die Natur!

Montag, 17. Oktober 2011

Die Krise.

Zunächst die Erasmus-Krise: Nachdem die O-Woche nun endlich vorbei ist, klagen viele Studenten über Kopfschmerzen und leere Geldbeutel. Einige, wie mich zum Beispiel, hat es sogar mit einer Erkältung niedergerafft- der sogenannten „Freshers Flue“. Langsam kehrt die innere Erkenntnis ein doch mal einen Gang runter zu schalten; "das war vielleicht doch ein wenig zu viel" – ist in diesem Sinne aber nichts, was man bereuen müsste. Das Wetter hat sich auch zusehends verschlechtert: Dauerregen mit 8-9 Grad und keine Sonne für fast eine Woche. Ein wirklich unhaltbarer Zustand, aber man bekommt nun mehr Aufmerksamkeit fürs wesentliche: Studium und Pläneschmieden. Frei nach der Herr der Ringe: „wir entscheiden selbst, was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist". Im Klartext heißt das, dass wir uns nächstes Wochenende ein Auto mieten werden und an die griechisch-mazedonisch-albanische Grenze in die unberührte Natur fahren werden. In der Woche darauf gibt es insgesamt zwei Feiertage zu zelebrieren und da geht es wohl in Richtung Istanbul, vielleicht aber auch mit der Fähre auf eine schöne Insel. Mal sehen!

Nun zur großen Krise: Anfangs habe ich behauptet man merkt nicht viel von der kritischen Situation, in der das Land steckt. Nur punktuell hatte man etwas davon mitbekommen. Besetzte Fakultäten und hin und wieder ein Studentenstreik, keine startenden und ladenden Flugzeuge und kleine Müllberge in den Straßen, so etwas eben. Vom ersten Generalstreik habe ich quasi nichts mitbekommen. Nun mehren sich allerdings die Gerüchte und die Nachrichten, dass sich die Lage in den nächsten Wochen zuspitzen wird. Nicht nur, dass die Müllberge unglaubliche Ausmaße annehmen und es wirklich anfängt zu stinken in den Straßen- diese Woche wird es wohl die größten Protestwellen geben und ich danke jeder höheren Macht, dass ich im vergleichsweise ruhigen Thessaloniki und nicht im Irrenhaus Athen bin! Am Mittwoch und am Donnerstag wird angeblich jeder Berufssektor die Arbeit niederlegen- also Ärzte, Piloten, Busfahrer, städtische Angestellte. Zudem sollen alle Geschäfte schließen- sogar Supermärkte, obwohl das unter Strafe gestellt ist. Ich werde mir das mal näher anschauen, da ich ohnehin keine Kurse haben werde. Da nächste Woche Feiertage sind, hält sich hartnäckig das Gerücht, dass an diesen Tagen der griechische Staatsbankrott verkündet wird, weil die Börsen geschlossen sind und somit hier niemand panisch seine Wertpapiere verschleudern oder sein Geld von den Banken holt, denke ich. Keine Ahnung, was das für einen persönlich bedeuten würde. Mein Geld liegt ja in Deutschland, aber für die Leute hier ist das natürlich denkbar schlecht.

Griechenland ist kein besonders armes Land, besonders wohlhabend ist aber lediglich eine dünne Schicht. Die Mittelklasse lebt von der Hand in den Mund. Für das Geld, das sie verdienen, haben sie auffallend viele Wertgüter. Die MacBook- und iPhone-Dichte hier ist geradezu lächerlich hoch. Das Kartenhaus bricht zwar nicht erst seit heute zusammen, aber man sieht die Müdigkeit und die fehlende Perspektive in den Gesichtern der Leute. Es wirkt wie Endzeitstimmung. Wenn man mit griechischen Studenten spricht, dann heißt es meistens "nur weg von hier“.
Der Großteil der vom Staat angestellten Beamten soll ja entlassen werden. In Griechenland bedeutet das, dass auch Ärzte zum 1.1.2012 ihren Hut nehmen müssen. Die meisten Medizinstudenten lernen schon jetzt fieberhaft Deutsch, Schwedisch oder Norwegisch.

Ich bin kein Experte und ich mag mir daher kein Urteil erlauben. Dennoch: Es scheint, als wenn die einen nicht könnten und die anderen nicht wollten. Quo vadis Graecia?

Montag, 10. Oktober 2011

ESN-Promo-Video für und von griechischen Erasmus-Studenten

Ein nettes Werbevideo von ehemaligen griechischen Erasmus-Studenten. Bei 1:35 seht ihr Eri, meine Buddy-Studentin. Außerdem gibt es ein paar schöne Sequenzen vom Campus und der Stadt!

The End of Summer

[Zuerst möchte ich mich bei ein paar Leuten entschuldigen, die ich gestern plötztlich verlassen musste - besonders bei Fine. Der Internetzugang in meiner WG ist buchstäblich ein nicht-Permanter. Der Kredit auf dem Internet-Stick war erschöpft, weshalb Arthur und ich diese Woche nach einer anderen, billigeren, schnelleren und dauerhafteren Lösung recherchieren. Aber es war wirklich ein Fest mit euch zu skypen!]

Es hat nun endlich aufgehört zu regnen. Wirklich. Wenn es in Griechenland regnet, dann bewerkstelligt Äolus keine halben Sachen. Zusätzlich macht es einen auch irgendwie missmutig, da man das Gefühl hat, dass sich nun der Sommer dem Ende neigt. Dennoch habe ich mich heute Morgen um 8 aus dem Bett gequält, um einmal mehr einen Jura-Kurs zu besuchen. Dieser auf Politikwissenschaft aufbauende Kurs, war eine regelrechte Erfrischung. Ein ausgezeichneter Professor mittleren Alters, von dem sich mancher in Chemnitz etwas abschneiden könnte. Die Wörter "we try to apply knowledge" und "look forward to find out to which theory you belong" hallen immer noch wohlklingend in meinen Ohren wider. Ein wahrer Genuss und auch eine Herausforderung. Endlich!
Voller Halbeuphorie sitze ich nun im Starbucks und versuche, via Mail Professoren von Journalismus und Politikwissenschaft anzubetteln, dass ich irgendwie an deren Kursen teilnehmen kann. Die Halbeuphorie mischt sich allmählich mit Halbzuversicht. Denn man sollte realistisch bleiben und nicht zu sehr auf ein Happy-End, alias Wunder von Thessaloniki hoffen.
Diese Woche wird eine arbeitsame. Wenn Sie vorbei ist, kann es endlich richtig losgehen. Als Erasmus-Student hat man einige Mentalitätsprobleme. Man ist zwar angekommen und fühlt sich irgendwie auch zu Hause, aber dennoch als Fremdpartikel in einem universitären Mikrokosmos.

Ich versuche weiterhin regelmäßig zu schreiben und ich denke mir gehen die Schreibideen auch nicht sobald verloren.

P.S.: Derzeit spiele ich mit dem Gedanken über Weihnachten hierzubleiben bzw. im neuen Jahr hierher zurückzukehren. Dies hat einerseits damit zu tun, dass die Prüfungen Mitte Januar stattfinden und dass ich andererseits so ziemlich der einzige bin, der eher aufhört - typisch deutsch irgendwie. Uns fehlt manchmal das Genießergen, das die Franzosen bspw. besitzen (die sind nämlich alle für ein Jahr hier). Ich werde daher bald eine Entscheidung treffen.

Samstag, 8. Oktober 2011

απολογία

Alright. Die erste richtige Woche in Thessaloniki neigt sich dem Ende. Mein Kopf platzt allmählich wegen den zig Namen und den dazugehörigen Gesichtern, die es sich zu merken gilt. So langsam beginnt sich ein harter Kern des Freundeskreises zu formieren. Er besteht im Großen und Ganzen aus dem Matsi-Wohnheim und einer Reihe von WG’s die über die ganze Stadt verteilt sind. Nervig ist, dass sich ziemlich zeitig nach Sprachen getrennte Gruppen gebildet haben. Es gibt slowakische, tschechische und lettische Frauencliquen und eine riesige gemischte Franzosengruppierung. Natürlich können sie es nicht lassen und unterhalten sich gerne über zehn Minuten hinweg ausschließlich auf Französisch. Das ist manchmal ganz witzig, aber man kann einfach nicht folgen. Was mich allerdings überrascht hat, ist der Fakt, dass anscheinend jeder Erasmus-Student hier mindestens zwei Jahre Deutsch in der Schule hatte. Viele von ihnen, die ich bisher getroffen habe, konnten mir etwas Schönes auf Deutsch dichten.
Da die Uni immer noch bestreikt wird, mir die Jura-Vorlesungen nicht wirklich nützlich erscheinen und es einfach derbe heiß gewesen ist diese Woche, war ich ein paar Mal am Strand. Man braucht mit dem Bus fast eine Stunde und der Strand ist auch nicht der, den man von Griechenland kennt. Aber in einer Gruppe von 10-20 Mann den ganzen Tag einfach nichts zu machen, außer zu baden, sich zu Sonnen und Volleyball zu spielen, hat was für sich. Da man sich langsam besser kennen lernt, kommen auch die intimeren Themen zu Sprache. Anscheinend haben gut 50% der Erasmus-Studenten einen festen Partner zu Hause. Das ist gut für mich, weil dadurch die Konkurrenz ausgeschaltet ist (…), andererseits, zeigen sich manche doch ein wenig übervorsichtig gegenüber Single-Männern/ - Frauen. Es verhindert dennoch nicht den Zustand eines fortwährenden romantischen Knisterns von Zeit zu Zeit.
Natürlich standen wieder jede Menge Partys an, an die ich nicht wirklich teilgenommen hab, weil der Körper auch mal einen Abend Ruhe braucht! Die Pre-Party am Mittwoch in der Bude eines Deutschen Maschinenbauers endete mit dem Besuch der Polizei und den hysterischen Fluchen dreier alter Damen, die in der Wohnung nebenan wohnen. Aus den 15 eingeladenen Leuten wurden am Ende nämlich 30-35. Die Griechen sind ziemlich sensibel, wenn es um ihre Nachtruhe geht. Bestes Beispiel dafür ist auch der BBQ, zu dem ich am Freitagabend eingeladen habe. Um 12 kamen die ersten Beschwerden. Schlussendlich haben wir den ganzen Alkohol zusammengekratzt und sind zur Promenade und später zum Campus gewatschelt. Vor dem meteorologischen Institut gab es dann Open Air Drum‘n Bass auf die Ohren, bis um 6. Dadurch habe ich am Tag darauf auch den nächsten Strandtag verpasst. Ich habe die Zeit aber genutzt und traf mich mit meinem Buddy (Paten). Meine Zahnfee ist Eri, eine äußerst, äußerst liebe Griechin, die ein Jahr mit Erasmus in Frankfurt/ a. M. Politikwissenschaften studiert hatte und daher recht gut Deutsch spricht. Angenehm für mich, der es, mit einem Hangover unter der Schädeldecke, genossen hat mal in Deutsch zu plaudern. Jedenfalls hilft sie mir, mein Kurschaos in den Griff zu kriegen. Und da ich leider keinen Platz in einem der Griechischkurse abgekommen habe, werde ich nun ein wenig Jura, ein wenig Powi und vielleicht ein wenig Journalismus studieren.
Jetzt fängt es langsam an sich einzuregnen draußen. Nächstes Mal gibt es wieder geistreichere Themen. Versprochen. Peace.

Montag, 3. Oktober 2011

Der Alltag beginnt (?)

Wie bei vielen Gelegenheiten im Leben so entpuppt sich auch während eines Auslandsaufenthaltes mit integriertem Studium auch diese Wahrheit: Nach einem Hoch kommt ein Tal, nach diesem Tal ein Hoch, usw. Der Sonntag gehört eindeutig zu den Hochs. Das erste große Treffen mit Erasmusstudenten (Spanier, Franzosen, Deutsche, Polen, Belgiern, Iren, Italienern und täglich kommen neue hinzu). Es war echt spannend und nett zugleich. Wie auch zu Hause kommt man mit manchen sofort klar (z.B. Romain aus Rennes), mit anderen jedoch weniger (d.h. zähe Gespräche bzw. Ausschweigen). Das Feld der Erasmus-Studenten ist echt bunt gemischt. Vom Über-Nerd bis zum Sunny-Boy ist alles Vertreten. Auffällig sind besonders die „Hibbeligen“ unter ihnen. Nach einer kurzen Bootstour durch das Hafenbecken folgte Spaziergang und Taverne. Am Ende kratzten im hiesigen Wohnheim alle Bewohner ihre Reste für die Gäste zusammen, die sie erst seit einem halben Tag kannten. Auch das ist Erasmus! Heute dagegen das mächtige Tal- und andere Politikwissenschaftler im Ausland können davon ein Lied singen. Gerade mal einen einzigen Kurs bieten die Damen und Herren der PoWi hier in Englisch an, was mich dazu nötigt auf Jura, auch bekannt als „Recht“, auszuweichen. Die erste Einheit heute war von dementsprechender Motivation gekennzeichnet. Es bot mir allerdings einen netten Einblick in die Spezies „Juristen“. Ein Urteil ist zu diesem Zeitpunkt etwas vorschnell. Die zwei Wissenschaftlerinnen dieses Kurses waren dennoch sehr nett zu mir und wir versuchten irgendwie einen neuen Stundenplan für mich zusammenzufriemeln. Nächste Woche kehrt endlich der für mich verantwortliche Tutor zurück und im besten Falle bekomme ich 1-2 sogenannte „private tutorials“, also Privatstunden im wahrsten Sinne des Wortes. Weniger aus Langeweile aber mehr aus Neugier treffe ich mich Ende der Woche mit einem „buddy“, also ein/eine StudentIn, die sich um ihre ausländischen Zöglinge (nicht ganz uneigennützig) kümmert. Mein Buddy wird Eri sein, eine griechische Studentin, die mich mit fehlerfreiem Deutsch kontaktiert hatte. Ich bin sehr gespannt/ I’m really excited, though! Vielleicht kriege ich eine nette Geschichte über die Streiks zu hören.
Die kommenden Tage werden also ein Ringen um einen vernünftigen Stundenplan und ein Kampf um Ausnahmeregelungen für einen einzelnen PoWi aus Karl-Marx-Stadt. Die Zeit werde ich mir aber erst einmal mit den „French Guys“ vertreiben, die mir echt sympathisch sind, da ich mir oft wie ihr Englischlehrer vorkomme. :)



Meine beiden Mitbewohner


Boat Trip

Freitag, 30. September 2011

Erste Erasmus-Party im "Figaro"

Gestern waren wir abermals vergeblich- mittlerweile das fünfte Mal (!)- im Vodafone Shop. Es ist hier echt schwer kabelloses Internet zu organisieren. Jetzt haben wir erst einmal einen Stick zur Überbrückung. "Tuesday! Maybe."- Ja, ja.
Aber schade eigentlich: Bisher waren wir jeden Tag im Starbucks, um Internet zu schnorren und die Verkäufer hinter der Theke geben uns schon High-Fives, wenn wir eintrudeln. Nach einer neuerlichen Starbucks Session sind wir dann mitten in einen Demonstrationszug der Studentenschaft geraten. War eigentlich ganz gemütlich. Nur waren die älteren Menschen ein wenig genervt, weil der Zug ausgerechnet auf der Hauptschlagader durchgeführt wurde und einfach gar nichts mehr ging.
Am Abend fand dann das Europa-League-Spiel Rubin Kasan vs. PAOK Saloniki statt. Unfassbar, dass für so ein Spiel quasi die ganze Fast Food-, Wett- und Kneipenindustrie für 90min stillsteht. Es waren kaum Autos auf den Straßen (ich übertreibe etwas, aber es war schon beeindruckend).
Am Abend ging es dann zur allerersten Erasmus-Party in den Club "Figaro". So eine Party hat eine ziemliche Eigendynamik, vor allem dann, wenn Longdrinks wie Whisky-Cola im Verhältnis 50:50 gemischt werden. Speziell die Serben und die Spanier drehen komplett am Rad, wenn sie einmal in Fahrt sind. Der Alkohol hat bei mir nicht so wirklich angeschlagen- es war aber trotzdem ein Klasse Abend! Größter Blickfang waren übrigens zwei Isländerinnen.
Schlimmstes Ereignis dieses Abends war die Begegnung mit Deutschen, denen ich eigentlich größtenteils aus dem Weg gehen wollte. Auf der Toilette begegnet man meistens dem größten Übel. Mein Kreuz waren fünf sächsische Maschinenbauer im besten Alter. Da hört und spricht man fast eine Woche kein Wort Deutsch und wird dann unverhofft mit dem derbsten Dresdnerisch und Freibergisch zugetextet. Ich will mich nicht beschweren oder meine Herkunft verleugnen, aber es war eine Begegnung der dritten Art- sächsische Geeks.
Apropos Herkunft: Ich dachte ja, dass die Deutschen hier etwas verhasst sind. Es ist aber eher ein totales Desinteresse! Meistens läuft das so ab: "Where are you guys from?" - "France." - "Ohhh France! Nice!! Blablblabla.... And you?" - I'm from Germany." - "Aha. And you?" - "Hungary." - "Oh! Hungary! Blablablabla". Ich werde mich demnächst mal als Österreicher Ausgeben. Vielleicht fruchtet das eher.

Mittwoch, 28. September 2011

Der erste Besuch der Aristoteles Universität

Der Campus der Uni ist wirklich riesig, sodass einem schon von vornherein der Überblick fehlt. Ein wager Blick ins Internet ließ nur erahnen, wo sich die Gebäude und Büros unserer Begierde befinden. Als wir letzten Sonntag schon einmal den Campus besichtigten, war noch nichts von den angeblich 90.000 Studenten zu bemerken. Lediglich die alten Gebäude- Marke „Weinholdbau“- und die duzenden Streikplakate dienten uns damals als Orientierungshilfe. Am Dienstag schafften wir es dennoch schnell nach einigem „Excuse me, where can I find…“– Runden zur ersten Erasmus-Anlaufstelle zu gelangen. Meine „deutsche“ Vorstellung, in einem Büro relativ privat von Angesicht zu Angesicht mit einem Menschen zu sprechen, erhielt allerdings rasch einen Rüffel. Vielmehr standen wir vor einer langen Glasfassade mit Lautsprechern; es ähnelte irgendwie einem Drive-In. Wir mussten also im Stehen über ein Mikrophon nach innen mit einer Person kommunizieren, die ich persönlich kaum sehen konnte, weil das Fenster mit Flyern und Plakaten abgeklebt war. Es klappte irgendwie, da sich die junge Frau zum Glück ziemlich viel Zeit für mich nahm. Ich bekam ein paar Dokumente auf Griechisch und einen Lageplan in die Hand gedrückt. Das nächste Ziel war die Faculty of Law. Da wir aber ziemlich scharf darauf waren endlich unseren Studentenausweis zu bekommen, gingen wir erst einmal ins Hauptgebäude und landeten in irgendeinem Sekretariat. Nachdem wir unseren griechischen Wisch vorgezeigt hatten, brach ein totales Chaos unter den sieben bis acht Sekretärinnen aus. Keiner wusste was mit uns anzufangen. Alle redeten durcheinander und nicht eine konnte im zusammenhängenden Englisch mit uns kommunizieren. Aus irgendwelchen Gründen haben wir dann Stempel auf die Formulare bekommen, die aber zu einhundert Prozent überflüssig waren. Als das Chaos dennoch immer weiter zunahm, schob ich unter einem flüsternden „Let’s get out of here!“ meine beiden Mitbewohner aus dem Büro. Draußen angekommen, musste ich mich vor Lachen erst einmal fünf Minuten hinsetzen.
Das Gebäude der Faculty of Law war komplett mit Vorhängeschlössern von den Studenten abgeriegelt worden. Wir haben es trotzdem irgendwie geschafft reinzukommen und versuchten uns zu der richtigen Büroadresse durchzufragen. Wer den Erasmus-Film gesehen hat, weiß wie das aussieht. Man schickte uns zu den verschiedensten 30x30cm-Schaltern die zumeist auch noch vergittert waren. Dennoch fielen wir nicht sonderlich auf, da die griechischen Ersties um einiges verstörter wirkten als wir. Hin und wieder kamen uns auf den Fluren ein paar wilde Hunde entgegen, die in Thessaloniki mitsamt Katzen und dem Müll einfach zur Stadt gehören. Schlussendlich ging alles gut. Nächste Woche beginnen die Vorlesungen, wobei ich einige Jura-Einheiten besuchen werde, einige sogar in deutscher Sprache.

[P.S.: Ich habe mich jüngst erinnert, dass Tauben eines der wenigen Tierarten sind, die ihr Leben lang monogam verbringen. Gerührt von diesem Gedanken habe ich dem Taubenpaar über meiner Balkontür die Namen „Samson“ und „Trixie“ gegeben- frei nach dem Chip & Chap-Cartoons.]

Es hat sich herausgestellt, dass in der Wohnung über uns ein französischer Pianist lebt. Das heißt wir bekommen jeden Mittag und Abend entweder ein Klavier- oder ein ganzes Sinfoniekonzert über seine Anlage zu hören. Leider habe ich aus den ersten Nächten in meinem Zimmer eine zutiefst verstörende Vorahnung was das Paar betrifft- näheres dazu später.

Hinterhof, Promenade, Sonnenuntergang.






Sonntag, 25. September 2011

Erste Eindrücke von Thessaloniki

Kalimera! Nachdem ich den ersten tief sitzenden Kulturschock allmählich verdaut habe, gebe ich einfach mal die ersten Eindrücke wider.

Die Busfahrt vom Flughafen war zwar günstig (90 Cent im Vergleich zu 15€ für ein Taxi), aber die Griechen wirkten alle ganz schön gestresst und es war eine gefühlte Ewigkeit in dieser Sauna auf vier Rädern. Ich stieg etwa 2 Kilometer vor der Stadtmitte aus und fand auch fast gleich die Wohnung. Ich wohne also im 5. Stock eines normalen Wohnhauses mit Arthur aus Frankreich und Fruszi aus Ungarn zusammen, mit denen ich auch schon die Stadt ein wenig erkundet habe. Ich habe das kleinste und kühlste Zimmer, allerdings mit nur 50cm Balkon. Außerdem nisten die Tauben über meinem Fenster, weswegen ständig Federn ins Zimmer fliegen. Ab und zu rauschen Flugzeuge im Tiefflug über die Stadt. Das geräuschvollste ist allerdings sowohl ein Lautsprecherwagen der heute Morgen durch die engen Straßen fuhr (und täglich verkündet er wolle Schrott ankaufen) und die wild bis in den Abend diskutierenden älteren Nachbarn. Das Internet in der Wohnung ist auch noch ein ungeklärtes Faktum. Heute Abend treffen wir das Vermieterpärchen und quatschen dann über alles weitere.

Auf dem Weg in die Innenstadt fällt einem erst einmal die militärische Vergangenheit auf. Auf dem Flughafen waren Unmengen an vor sich hinsiechenden Flugzeughangars zu sehen. Außerdem ist hier mitten in der Stadt ein großes Bataillon griechischer Soldaten stationiert. Genau neben dem Campus - und dem Gefängnis.
Die Krise kriegt man hier noch nicht so wirklich mit. Man sieht zwar des Öfteren geschlossene Geschäfte, aber mehr Leerstand als in Chemnitz ist auch nicht zu beobachten. Am Samstagabend war die Innenstadt voller junger Leute, die quasi nur so mit dem Geld um sich geschmissen haben und auch sonst nicht wirklich ärmlich aussahen- vielleicht nur Fassade? Im Golf von Thessaloniki liegen ein gutes Duzend Frachter, die auf das Löschen ihrer Ladung warten; die warten wohl vergeblich. Die Hafenpromenade ist zurzeit eine Katastrophe, da sie von Grund auf erneuert wird.
Das einzige was wirklich nach Krise riecht sind die Preise hier. Bis auf Wasser, Tabak und Fast Food ist hier alles um einiges teurer als in Deutschland- Super-Benzin: 1,69€/Liter; Milch 1,50€/Liter, eine kleine Dose Bier 70 Cent.

Man merkt des Weiteren eine große Antipathie gegen Albaner und Mazedonier. Sie schlagen sich an der Hafenpromenade zusammen mit afrikanischen Flüchtlingen mit dem Verkauf von Spittel und gefälschten Uhren, Sonnenbrillen und Sportschuhen durch. Auch meine Mitbewohnerin scheint den meisten Balkanvölkern von Haus aus nicht sonderlich wohlgesonnen.

Ich genieße heute erst einmal weiter die Sonne und morgen geht‘s dann auf den Oldschool-Campus, der aussieht wie 50mal Weinholdbau nebeneinander. Noch bestreiken und boykottieren die Studenten den Campus.
Ich bin gespannt!



Seaside



Balkon



Meine H00d